Buch des Lebens

Wie vermutlich alle ihrer Spezies, hüten auch meine zwei Katzen sehr erfolgreich ihre Geheimnisse. Und gerade das schätze ich an ihnen ganz besonders; trotz großer Anlehnungsbereitschaft und Anschmiegsamkeit bewahren sie sich auf Katzenart ihre Eigenständigkeit. Gern tauche in die Tiefe ihrer unergründlichen, manchmal nach innen gekehrten Blicke, rätselhaft wie die einer Sphinx. Ihren Seelengrund habe ich bisher noch niemals erreicht. Mir bleibt nur die Ahnung, dass auch ihre Seelen so weiträumig sind wie das gesamte Universum.

Vom Charakter her sind meine Katzen sehr unterschiedlich; mein Kater ist ein fröhlicher, aufgeschlossener und intelligenter Bursche, der aufgrund seiner Wesensart mehr von sich preiszugeben scheint als seine Schwester. Dennoch bin ich vor einiger Zeit vielleicht auch einem der großen Geheimnisse meiner Katze auf die Spur gekommen.

Als meine Katze eines Tages mit etwas Glitzerndem im Maul an mir vorbeistolzierte, wurde ich aufmerksam und schaute genauer hin: ein 50-Cent-Stück! Sofort überlegte ich, ob es ihr trotz guten Futters, Pflege und Aufmerksamkeit vielleicht an Taschengeld mangeln könnte; im übertragenen Sinne natürlich. Mein Gewissen meldete sich prompt. Die Gefahren eines freien Katzenlebens in der Großstadt sind nicht zu unterschätzen. Ob meine Argumente gegen Freigang aber vor dem Urteil meiner Katzen oder höherer Instanzen bestehen könnten? Das wage ich zu bezweifeln. Kein noch so gemütliches Kissen als Ruheplatz ersetzt die Schwingung eines sonnendurchglühten Steins in der Natur, keine Katzenminze im Hause angeboten das Wahrnehmungsspektrum einer Mondnacht im Freien. Kein noch so verführerisch duftendes frisch zubereitetes Futter ersetzt den Duft der Freiheit. Muss ich mich schämen? Auch Katzen sind einzig und allein um ihrer selbst willen und auf eigenes Risiko auf der Welt, das weiß ich sehr wohl.

Immer wieder fand ich Schreib- und Malutensilien auf dem Boden verstreut – Kugel- und Gelschreiber, Blei- und Farbstifte. Auf meinem Schreibtisch befinden sich diverse Behälter mit solchen Stiften, und meine Katze scheint sich dort täglich zu bedienen.  Häufig beobachtete ich sie dabei, wie sie mit einem Stift im Maul vielsagend an mir vorbeimarschierte. Als lebenslang selbst von Papier, Schreib- und Malstiften faszinierter Mensch schloss ich aus ihrer Begeisterung für solche Arbeitsgeräte unmittelbar auf die einzig logische Erklärung: meine Katze führt heimlich Tagebuch, sie schreibt am Buch ihres Lebens! Da auch regelmäßig Farbstifte auf dem Boden liegen, legt sie ganz offensichtlich auch auf Illustrationen großen Wert. Diese Erkenntnis und ihre Konsequenzen für mich trafen mich wie ein Schlag!

Dass das Leben meiner Katzen aus ihrer Warte völlig anders aussehen dürfte als aus meiner, ist mir bewusst. Daran, dass sie mich mögen, zweifle ich keinesfalls, schließlich suchen sie oft meine Nähe. Dass meine Motivation, mit Tieren zu leben, sich im laufe meines Lebens grundlegend gewandelt und erweitert hat, ist auch wahr. Es geht mir nicht mehr nur darum, ihnen ein gutes Leben zu bieten und mich von ihnen emotional beschenken zu lassen, sondern mir ist dabei längst meine Verantwortung bewusst geworden. Die aufgrund ihrer Entwicklungsstufe höher schwingende menschliche Aura stimuliert die feinstofflichen Körper der Tiere. Art und Weise menschlicher Gedanken und Empfindungen beeinflussen ihre Entwicklung und ihren Seelenzustand. Meditiere ich, so lasse ich meine Tiere an der Schwingung teilhaben. Sie genießen es.  Wir sind auf demselben Evolutionsweg unterwegs, befinden uns lediglich an unterschiedlichen Stationen unseres Weges. Weder steht es mir zu noch würde mir je in den Sinn kommen, mich über sie zu überheben oder sie aus Bereichen meines Lebens zu verbannen.

Kürzlich trottete meine Katze mit einem kleinen Schraubendreher im Maul an mir vorbei. Daraus folgerte ich, dass ihr Tagebuch höchstwahrscheinlich verschließbar sei. Vielleicht klemmte nun dessen Schloss oder sie hatte den Schlüssel verlegt. Die Entschlossenheit, mit der sie den Schraubendreher trug, überzeugte mich auf jeden Fall davon, dass sie einen neuen Eintrag in ihr Buch für überfällig hielt.

Wie alle Katzen besitzen auch meine die Fähigkeit, sich bei Bedarf völlig unsichtbar zu machen. Dasselbe trifft auf die Aufzeichnungen meiner Katze zu; ihr Tagebuch habe ich jedenfalls bis heute nicht zu Gesicht bekommen. Vermutungen, wo sie es aufbewahren könnte, wage ich nicht anzustellen, danach zu suchen, würde mir nicht einfallen. Könnte ich nach dem Lesen wohl noch in den Spiegel schauen? Vermutlich versteckt sie ihre Aufzeichnungen ohnehin vor mir, um mich zu schonen.

Aber mir ist bekannt, dass es sich bei allem, was wir auf Erden an Büchern oder generell an Dingen besitzen, jeweils nur um Kopien handelt. Die Originale sämtlicher Werke sind in den Himmelswelten sicher archiviert und dort bei entsprechendem Reifegrad einsehbar. Ob ich zu gegebener Zeit die Aufzeichnungen meiner Katze oder anderer Tiere zu studieren wage, müsste ich vorher jeweils mit mir selbst klären. Tatsache ist, dass wir alle unterwegs sind, Tiere genauso wie Menschen. Und wir alle machen unsere Erfahrungen, lernen hinzu, erweitern unser Bewusstsein und wachsen. Das ist unser Evolutionsauftrag und Zweck sämtlicher Inkarnationen, egal ob es sich dabei nun um menschliche Individual- oder tierische Gruppenseelen handelt. 

Zu meiner Überraschung und Freude finde ich neben Schreib- und Malstiften nun hin und wieder auch einen Radierstift auf dem Boden. Meine Katze macht also nicht nur Eintragungen, sondern korrigiert sie auch! Hat sie vielleicht bemerkt, dass ich trotz aller Unzulänglichkeiten an mir arbeite? Bestenfalls macht sie sich täglich ein neues Bild von mir. und vielleicht werde ich eines Tages doch wagen, einige ihrer Aufzeichnungen zu lesen!

 

"Es gibt keinen objektiven Grund für die Annahme,

dass menschliche Interessen wichtiger seien als tierische."

Bertrand Russel

 

 

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