Wortsaat

Worte fallen oft wahllos, gedankenlos. Impulse für unbedachte Äußerungen resultieren häufig aus einer schwankenden emotionalen Befindlichkeit heraus. Aber mit Worten verhält es sich so ähnlich wie mit unseren Händen: sie können sowohl heilen als auch verletzen. Und unsere Worte ziehen evtl. weitere Kreise, als wir uns je vorstellen können.

Das größte schöpferische Potential, über das wir als Menschen verfügen, sind unsere Gedanken. Jedem Plan oder Vorhaben gehen Gedanken voraus. Gedanken modifizieren nicht nur unsere eigenen feinstofflichen Körper in Form und Farbe, sondern auch unser  Umfeld. In letzter Konsequenz bestimmen Denken und Fühlen sogar unser Schicksal.

In Gewänder gekleidet, deren Farbspektrum von leuchtend über fade bis düster reicht, ziehen unsere Worte als Saat unserer Gedanken und Gefühle in die Welt hinaus. Worte haben die Kraft, zu inspirieren oder zu entmutigen, zu besänftigen oder aufzustacheln. Jedoch nicht nur indem wir uns verbal äußern, bringen wir Wortsaat aus. Legen wir unsere Gedanken schriftlich nieder, so imprägnieren wir das jeweilige Blatt Papier oder auch eine Internetseite gleichfalls mit unserer Saat. Als sorgfältiger Autor rufen wir exakte Gedankenformen ins Leben, die der jeweilige Leser umso getreuer nachkonstruiert, je gründlicher er unsere Ausführungen liest.

Die Beschaffenheit des Bodens, auf den wir säen, könnte unterschiedlicher nicht sein. Ob, wie, wann und in welchem Maße unsere Saat Wurzeln schlägt, bekommen wir gewöhnlich gar nicht mit. Saat, die auf felsigen Grund fällt, keimt nicht unmittelbar; vielleicht findet sie eine Ritze im Gestein, um wurzeln zu können oder ein Windstoß trägt sie auf günstigeres Gelände weiter. Manche Saat fällt unmittelbar auf fruchtbaren Ackerboden, und zwischen Gestein und fruchtbarer Ackerkrume existieren alle möglichen anderen Bodenbeschaffenheiten.

Jeder Mensch ist ein von ihm selbst zu bestellendes Feld. Mit jeder seiner Empfindungen, mit jedem Gedanken und jedem Wort, egal ob ausgesprochen oder schriftlich fixiert, sät er in die Krume seines eigenen Ackers, aber auch in die Furchen der Felder seiner Mitmenschen. Für alles, was unserem  Saatgut entspringt, egal, ob uns das nun bewusst ist oder nicht, tragen wir grundsätzlich eine Mitverantwortung.

Egal, ob wir sprechen oder schreiben, niemals sollten wir die Keim- und Lebenskraft unserer Worte unterschätzen! Einmal in die Welt gesandt, entfalten sie zu ihrer Zeit ihre Wirksamkeit, bauen auf oder zerstören. Auch all das, was wir eines weit zurückliegenden Tages an Wortsaat hervor- und ausbrachten, ist in der Welt präsent, kann noch längere Zeit weiterschlummern oder inzwischen gekeimt und neue Frucht und Saat hervorgebracht haben. Ob wir unsere verbalen oder schriftlichen Äußerungen noch erinnern, macht keinen Unterschied; verantwortlich für sie sind wir allemal.

Gesetz ist, dass wir grundsätzlich das ernten, was wir säen. Das bezieht sich auch auf unsere Worte. Einmal in die Welt gesandt, können wir keines unserer Worte je zurücknehmen, wie sehr wir es evtl. auch bereuen mögen. Insofern ist Achtsamkeit hinsichtlich unserer Wortwahl in verbaler oder schriftlicher Form höchst angebracht.

Vor einiger Zeit bekam ich unerwarteterweise Anschauungsunterricht hinsichtlich der Keimkraft von Worten. In einem Buchladen stand ich plötzlich einer Dame gegenüber, die einige Jahre lang meine Gruppe besucht hatte.  Wir freuten uns, uns nach so langer Zeit wiederbegegnet zu sein und kamen ins Gespräch. Nachdem wir uns bereits wieder voneinander verabschiedet hatten, wandte sie sich noch einmal zu mir um und rief mir zu: „Ich bin übrigens Vegetarierin;  einer deiner Texte hatte mich seinerzeit dazu veranlasst. Das wollte ich dir immer schon mal sagen.“

 

"Einmal entsandt,

fliegt das Wort unwiderruflich dahin."

Horaz

 

Nach oben