Moo und du!

 

Moo, die Kuh, schaut dir zu,

lebt genauso gern wie du!

Denn die Erde unter dir,

sie gehört genauso ihr!

 

Moo, die Kuh, nickt dir zu,

fühlt genau so tief wie du.

Und der Himmel über dir,

der gehört genauso ihr!

 

 Moo und du, du und Moo!

 Welch ein nettes Rendezvous!

 Himmelskreis und Erdenrund

 segnen euren Freundschaftsbund!

 

 

 

 

Lilly erwachte mit einem Lachen. „Eben habe ich mit Pipps gespielt, Mama!“

Ihre Mutter lächelte nachsichtig; die Illusion ihrer Tochter, dem kürzlich verstorbenen schwarzweißen Familienkater im Traum „wirklich begegnet“ zu sein, mochte sie nicht zerstören.

„Pipps sieht jetzt gar nicht mehr alt und zerzaust aus“, plapperte Lilly unbeirrt weiter. „Manchmal besucht er uns……er kann übrigens durch Wände gehen!“

„Das Frühstück ist fertig, Lilly!“, versuchte die Mutter das Thema zu wechseln.

„Weißt du, woran du erkennen kannst, wenn Pipps bei uns ist?“ fuhr Lilly fröhlich fort. Ohne auf die Antwort ihrer Mutter zu warten, erklärte sie: „Wenn Patty knurrt und sich ihr Fell sträubt und sie auf Pipps früheren Lieblingsplatz starrt. Patty kann Pipps nämlich sehen - genauso wie ich. Aber weil Patty neu bei uns ist, muss sie ihn erst noch kennenlernen, damit sie Freunde werden.“

Die graugetigerte Patty aus dem örtlichen Tierheim war erst vor kurzem zur neuen Familienkatze erkoren worden.

„Wenn ich schlafe, bin ich gar nicht mehr müde“, setzte Lilly ihre Rede fort. „Und deshalb spiele ich manchmal mit Pipps oder treffe mich mit Sophie.“

„Wer ist denn Sophie?“ erkundigte sich Lillys Mutter und bekam die gefürchtete Antwort:

„Aber das weißt du doch!“ entrüstete sich Lilly.

Sophie hatte viele Jahre lang im Haus nebenan gewohnt. Für Lilly hatte sie sich stets Zeit genommen und ihr Dinge zu erklären versucht, die nach Auffassung von Lillys Mutter lieber unerläutert geblieben wären. Zum Beispiel hatte sie ihre Tochter doch tatsächlich in deren Meinung bestärkt, hinten im Garten mit einer Schar Wichtel gespielt zu haben, anstatt ihr das Geschilderte als das zu erklären, was es tatsächlich war: das Produkt übergroßer kindlicher Einbildungskraft! Reichlich „wunderlich“ war Sophie Lillys Mutter immer vorgekommen.

„Heute Nacht bin ich mit Sophie verabredet, ich werde neue Freunde kennenlernen“, verkündete Lilly. „Wen besuchst du, wenn du schläfst, Mama?“

„Ich glaube, der Tee ist inzwischen längst kalt geworden!“, entgegnete Lillys Mutter.

 

Lilly wandte sich um und kicherte. Unter der Bettdecke in ihrem Kinderbett lag der ruhig atmende Körper eines kleinen blonden Mädchens, den sie mit sich selbst gar nicht in Zusammenhang brachte. Am Fußende schlief wie üblich Patty.

„Wie nett!“ dachte Lilly. Nicht nur ihre Katze, sondern auch ein fremdes Kind schien ihr das Bett warm halten zu wollen, während sie sich immer weiter von ihm entfernte.

 

„Da bist du ja, Lilly!“

„Hast du auf mich gewartet?“

„Aber sicher, wir sind doch verabredet!“

„Stimmt!“ stellte Lilly fest. „Und es war ganz leicht, hierher zu finden. Ich brauchte bloß an dich zu denken……“

„Genau so funktioniert es! Gut gemacht!“

„Komisch, zu Hause in meinem Bett schläft inzwischen ein kleines Mädchen……“ Lilly runzelte die Stirn. „Verstehst du das, Sophie?“

„Wenn du nachher nach Hause zurückkehrst, schau doch mal genauer hin. Dann wirst auch du es verstehen.“

 

Lilly blickte sich um. Bis zum Horizont dehnte sich saftig grünes Weideland. Zäune oder Begrenzungen waren nirgendwo zu erkennen. In unzähligen von alten Bäumen überschatteten Mulden lagerten Rinder aller Farbschläge und Altersstufen, vom wenige Stunden alten Kälbchen bis hin zu stattlichen ausgewachsenen Tieren und immer noch weitere schienen sich hinzuzugesellen. Die meisten Tiere waren mit Wiederkäuen beschäftigt, während andere im milden Sonnenlicht zufrieden vor sich hin dösten. Wieder andere Rinder standen in kleinen Gruppen beieinander, rieben sich genüsslich an rauer Baumborke oder tranken in tiefen Zügen von dem klaren Wasser winziger blitzender Teiche, die Perlen gleich über das gesamte Gelände verstreut lagen.

 

Aus dem Geäst der benachbarten majestätischen Eichen klang reges Vogelzwitschern herüber.

Lilly überschattete ihre Augen mit der Hand. In einiger Entfernung hatte sie einige vage Gestalten ausgemacht, die sich zu lagernden Tieren niederzubeugen schienen, war sich jedoch nicht sicher, ob es sich dabei tatsächlich um Menschen oder nur um ihre Einbildung handelte.

„Merkwürdig“, überlegte Lilly, während sie sich einmal um ihre eigene Achse drehte, „es ist warm und sonnig hier, ohne jede Wolke, trotzdem lässt sich die Sonne nirgendwo blicken.“

„Wir befinden uns hier in einer anderen Wirklichkeit als eurer, Lilly. Dies hier ist die Astralwelt!“

„Du kannst ja meine Gedanken lesen, Sophie!“ freute sich Lilly. „Das ist ja cool!“ Lilly grinste. „Ich deine aber auch“, setzte sie hinzu,  „und das finde ich noch cooler. So kannst du mich niemals belügen!“

„Hätte ich das denn jemals getan?“

Lilly schüttelte den Kopf. „Nö“, antwortete sie schlicht.

 

Sophie reichte Lilly die Hand, um ihr auf einer Reihe flacher Steine über den kleinen Bachlauf hinwegzuhelfen, der jetzt ihren Weg kreuzte, während er lustig über Kiesel sprang und dabei sein silberklares Wasser versprühte.

„Wohin gehen wir?“

„Wir sind bereits am Ziel, Lilly.“ Erwartungsvoll blickte Sophie zu Lilly hinunter. „Na, was siehst du?“

„Kühe“, stelle Lilly lakonisch fest, „nichts als Kühe.“

„Das klingt ein bisschen enttäuscht.“

„Gestern hast du versprochen, dass ich neue Freunde kennenlernen werde!“

„Genau das tust du doch gerade, Lilly.“

Lilly verzog fragend den Mund. „Kühe?“

 

In der nächstgelegenen Grasmulde hatte sich soeben eine stattliche schwarzbunte Kuh erhoben, die nun gemächlich und zutraulich auf Lilly und Sophie zugeschritten kam.

„Darf ich vorstellen, Lilly? Das ist Moo. Moo, das ist Lilly – ich habe dir schon viel von meiner kleinen Freundin erzählt.“

Moo ließ ein freundliches Schnauben hören.

„Moo ist eine der Leitkühe hier“, erläuterte Sophie.  „Schon auf Erden zeichnete sie sich durch besondere Intelligenz aus. Sie ist weit entwickelt, wurde aber leider nicht sehr alt. Als sie nicht mehr genug Milch geben konnte, beschloss ihr Bauer, sich von ihr zu trennen. Seitdem wohnt sie hier bei uns.“

Zutraulich rieb sich Moo an Lillys Hand.

„Die ist aber zahm!“ wunderte sich Lilly.

„Sie kann dein Energiefeld lesen, Lilly, und deshalb vertraut sie dir. Und sie hat auch eine Überraschung für dich: Moo möchte dir ihr Kälbchen vorstellen!“

Liebevoll wandte Moo ihren Kopf zu dem zarten schwarzbunten Stierkälbchen um, das auf ungelenken Beinen hinter ihr hergestakst kam und sich nun ängstlich an die Flanke seiner Mutter presste. Zärtlich leckte Moo ihm mit der rauen Zunge übers Maul.

„Auf Erden hat sich niemand die Mühe gemacht, einen Namen für den Kleinen zu finden“, erläuterte Sophie die Situation. „Nur Gott und Moo wissen, wie er heißt.“ Sophie räusperte sich. „Unmittelbar nach seiner Geburt hat der Bauer ihn von seiner Mutter weggerissen. Moo hat ihn nie wiedergesehen und noch tagelang nach ihm gerufen. Auch Tiere haben ein Gefühlsleben, Lilly, genauso wie wir Menschen!"

„Aber das weiß ich doch längst!“ empörte sich Lilly, „Das hast du mir schon sooo oft erzählt! Außerdem habe ich das ganz alleine festgestellt!“

„Entschuldige bitte, Lilly, wenn ich dich einmal mehr unterschätzt habe!“

„Macht ja nichts….“ tröstete Lilly ihre Freundin.

„Der Kleine war nur wenige Tage alt, als er verkauft wurde“, fuhr Sophie fort. „Bis zuletzt hat er nach seiner Mutter gerufen.“

Lilly schluckte. „Sie leben beide nicht mehr auf der Erde?“

„Nein, genau so wenig wie dein Kater Pipps oder ich.“

„Aber sie wirken doch sehr lebendig.“

„Natürlich! Sie sind genau so lebendig wie du und ich.“

Lilly überlegte. „Ist das hier etwa…….„ sie zögerte,  „…..der Kuhhimmel…….?“ fragte sie ehrfürchtig.

Sophie lachte. „Wenn du es so nennen willst! Aber es gibt viele Himmel; und in Wirklichkeit ist der Himmel gar kein Ort, sondern ein Bewusstseinszustand. Moo hat übrigens nicht nur einen Sohn, sondern auch zwei Töchter. Eine von ihnen wird sich wohl auch bald zu uns gesellen, sie lebt in einer der unwürdigen Tierfabriken. Sie ist dort sehr unglücklich und ihre Milchleistung lässt nach. Damit wird sie für ihren Bauern unrentabel, und er wird sich vermutlich bald von ihr trennen.“

„Das ist sooo ungerecht! So ein fieser Typ“, entrüstete sich Lilly.

„Es gab Zeiten, Lilly, da wussten wir beide es auch nicht besser!“

Lilly  presste  die Lippen  zusammen und  nickte. Beim Gedanken an ihr letztes Wurstbrot vor einigen Wochen rümpfte sie die Nase. Unmittelbar danach war das Familienauto auf der Autobahn bei glühender Hitze in einen Stau geraten. Vergeblich hatten ihre Eltern versucht, sie von dem Tiertransporter, der immer wieder neben ihnen zum Stehen gekommen war, abzulenken. Die Erklärungsversuche ihrer Eltern hatten Lilly nicht getröstet. Schließlich hatten ihre Eltern betreten geschwiegen, während Lilly auf der Rückbank den ganzen Rest der Fahrt still in sich hinein geweint hatte.

„Wisst ihr noch? Eure Blicke sind sich damals kurz begegnet“, fing Sophie Lillys Gedanken auf. „Euer Blickkontakt dauerte nur einen kurzen Moment, aber manchmal geschieht in einem Augenblick mehr als in vielen Jahren. Herz sprach zu Herz, Seele zu Seele.“

Plötzlich sah Lilly ganz betrübt aus. „Es tut mir so leid….“

„Es muss dir nicht leid tun, Lilly, du hast sofort erkannt, du hast dich erinnert, du hast verstanden. Verstehen kann nur, wer bereits weiß oder zumindest ahnt.“

Inzwischen hatte auch das Kälbchen Vertrauen gefasst, mehrfach mit dem Maul kräftig gegen das Euter seiner Mutter gestoßen und zu trinken begonnen.

„Bist du jetzt ihr Bauer, Sophie?“ fragte Lilly.

„Nein, das bin ich nicht, die Tiere müssen mir nicht dienen, ich beute sie nicht aus. Ich helfe ihnen, sich hier einzuleben und sich von all dem Schlimmen zu erholen, das ihnen auf Erden widerfuhr. Die meisten Tiere kommen in Panik hier an, sie müssen erst begreifen, dass ihnen hier keine Gewalt mehr angetan wird. Die meisten von ihnen haben auf Erden nichts anderes kennengelernt, als ein erbärmliches kurzes Leben in einer Tierfabrik und ein grausames, unwürdiges Ende. Das gilt nicht nur für Kühe, sondern für alle Tiere, die Menschen zu „Nutztieren“ erklärt haben. Sie werden auf Erden um ihr Glück betrogen, denn um ihrer selbst und ihrer Entwicklung willen waren sie auf die Erde gekommen! Ganze Heerscharen von Tieren benötigen unsere Liebe, unser Mitempfinden und unseren Schutz. Gott macht keine Unterschiede, alle Geschöpfe sind IHM gleich lieb und gleich wichtig.“

Sophie legte Lilly den Arm um die Schultern. „Was ich dir jetzt erklären werde, ist vielleicht ausnahmsweise mal neu für dich, aber es ist wichtig zu wissen: Tiere sind unsere jüngeren Geschwister, immer eine Anzahl von ihnen schöpft ihre Lebensessenz aus einem gemeinsamen Kraftreservoir, einer sogenannten Gruppenseele. Alle Erfahrungen, die das einzelne Tier macht, gehen in diese Kollektivseele ein und kommt neuen daraus hervorgehenden Tieren zugute. So vollzieht sich tierische Entwicklung. Verstehst du?“

Lilly überlegte und nickte kurz. „Kann ich mir vorstellen.“

„Aus einer Gruppenseele gehen immer wieder neue Tiere hervor, indem Lebensessenz in die sterblichen Körper von Tieren fließt, die auf Erden geboren werden, um dort weitere Erfahrungen zu sammeln. Ihr Evolutionsziel besteht darin, sich zu individualisieren. Wir Menschen sind bereits Individualseelen.“

„Sie müssen wieder hinunter auf die Erde?“ fragte Lilly.

„Genau wie du und ich“, erläuterte Sophie. „Wie ich schon sagte: wir Menschen sind bereits Individuen, wir sind Individualseelen auf einem langen Pilgerweg über Äonen von Zeitaltern hinweg auf dem Wege zurück zur göttlichen Quelle, aus der alles hervorgegangen ist.  Sterblich ist jeweils nur unsere irdische Person, in die unsere Seele so schlüpft, wie ein Schauspieler in sein Kostüm. Hat er seine Rolle ausgespielt, legt er sein Kostüm ab. Für seine nächste Rolle wählt er sich dann ein neues Kostüm und eine neue Bühne.“

Lilly nickte eifrig. „Ich weiß! Davon hast du mir schon erzählt, als ich noch klein war. Du hast mir oft Geschichten erzählt, und die meisten davon habe ich auch verstanden. Ich bin doch nicht dumm!“ setzte sie nachdrücklich hinzu.

Sophie lachte. „Nein, Lilly, das kann man von dir nun wirklich nicht behaupten! Und dann erinnerst du sicher auch, dass alles Leben beseelt ist, auch Pflanzen und sogar Steine?“

„Na, klar!“ Lilly wurde nachdenklich. „Aber als du gestorben bist“, fuhr sie fort, „da habe ich geweint.“

„Ich weiß, Lilly; das ist mir nicht entgangen, aber ich habe dich doch auch recht bald danach besucht.“

„Stimmt! Mama hat lange rumgedruckst. Also habe schließlich ich ihr erzählt, dass du die Erde verlassen hast und dass ich dich trotzdem manchmal sehe. Mama war ganz besorgt, aber  nicht  deinetwegen,  sondern  meinetwegen." Lilly kicherte, wurde aber gleich wieder ernst. „Ist Sterben schlimm? Hattest du Angst?“

„Keineswegs! Ich wusste doch, dass das Leben weitergeht! Sofern du nicht versuchst, dich an deine sterbliche Hülle zu klammern, geht alles ganz leicht: die Schwingungsbrücke zwischen Seele und Person reißt, und du verlässt deinen Körper wie ein abgelegtes Kleidungsstück und ziehst sozusagen um in die Astralwelt. Die Astralwelt ist riesig groß, du siedelst dich in jener Region an, die deiner Eigenschwingung entspricht. Alle Menschen haben das doch bereits unzählige Male praktiziert. Wir alle sind also durchaus geübt darin.“

„Und du bist bei den Kühen gelandet!“

Sophie lachte herzlich. „Ja, genau das hatte ich mir vorgenommen! Kühe mochte ich schon immer besonders gern. Aber ich habe auch noch andere Aufgaben,  und bin nicht allein für die Kühe zuständig. Andere Tierfreunde kümmern sich übrigens um Schafe oder Schweine oder Hühner oder Gänse oder Kaninchen oder Fische oder Hunde und Katzen oder Pferde und alle anderen Tiere“, nahm Sophie den Faden wieder auf, „alle Tiere werden hier bestmöglich betreut, damit ihre nicht selten geschundenen Astralkörper heilen.“

„Das möchte ich auch!“ bekundete Lilly.

„Nur zu, Lilly!“ ermunterte sie Sophie, „Es kann schließlich gar nicht genug Helfer geben.“

„Aber ich bin doch gar nicht tot wie ihr!“

Sophie lachte. „Das ist richtig, Lilly, und ich wünsche dir von Herzen ein langes, glückliches und erkenntnisreiches Leben auf Erden, aber um in unserer Welt als Helfer tätig zu sein, musst du auf Erden keineswegs sterben. Du triffst dich doch häufig im Schlaf mit deinem Kater und mit mir....“

Lilly nickte. 

„Und was schließt du daraus?“ Erwartungsvoll schaute Sophie zu Lilly hinunter.

Lillys breites Grinsen offenbarte ihre neue große Zahnlücke. „Es gibt gar keinen Tod!“ verkündete sie.

„Richtig!“ freute sich Sophie, „Tod ist nicht das Gegenteil von Leben, sondern von Geburt! Geburt und Tod, Diesseits und Jenseits sind zwei Seiten derselben Medaille oder zwei miteinander verbundene Räume desselben Gebäudes, gehören zusammen wie Tag und  Nacht,  wie Ebbe und Flut, bilden zusam men ein Ganzes. Alle Geschöpfe, auch du und ich, wechseln immer hin und her – bis zum Erreichen unserer Vollkommenheit. Vollkommenheit bedeutet Übereinstimmung mit dem göttlichen Ideal.“

Lilly wirkte plötzlich nachdenklich. „Ich glaube an Gott. Ob Mama und Papa das auch tun, weiß ich nicht. Wir gehen aber manchmal zum Krippenspiel in die Kirche…..“ gab sie zu bedenken.

„Das mag sein, Lilly, aber um Gott zu begegnen, benötigt man gar keine Kirche. Gott ist überall, alles ist Gott; wir sind in IHM und ER ist in uns. Gott ist Geist, und die ganze Schöpfung ist Ausdruck SEINES Wirkens.  Das sichtbare Universum ist das Gewand Gottes, und wem oder was immer du begegnest – du begegnest Gott in ihm!“

 

„Guten Tag, meine Damen! Wo so tiefschürfende Gespräche geführt werden, geselle ich mich gern hinzu!“

Verwundert blickte Lilly zu dem hochgewachsenen weißgewandeten Mann auf, der urplötzlich wie aus dem Nichts lautlos hinzugetreten war und sie aus leuchtend grauen Augen anstrahlte.

„Das ist Mathias“, stellte Sophie ihn Lilly vor.

„Bist du auch ein Kuhhirte?“ fragte Lilly interessiert.

„Das wäre ich sehr gern, aber im Moment habe ich andere Aufgaben.“

„Mathias ist mein Lehrer“, erläuterte Sophie, während Mathias Moo, die genüsslich an einer Strähne seines langen grauen Haars zu knabbern begonnen hatte,  über die Flanke strich.

„Ein wunderschönes Kälbchen hast du, Moo!“ Mathias kraulte den kleinen Stier zwischen den Ohren.

„Ich gehe auch schon zur Schule!“ platzte Lilly heraus,  errötete dabei jedoch leicht und zögerte. Angesichts der für sie überwältigenden Ausstrahlung ihres Gegenübers wurde sie plötzlich ganz schüchtern. „Du  bist ganz anders als mein Klassenlehrer…...“ stellte sie fest. Mathias freundliches Lächeln machte ihr jedoch sofort wieder Mut.  „Wo ist denn deine Schule?“ erkundigte sie sich neugierig.

„Meine Schule ist das Leben!“ antwortete Mathias schlicht. „Aber siehst du die Kuppeln dort drüben im Wald?“

Verwundert blickte Lilly in die Richtung, in die Mathias wies. Weder den Wald noch das, was aussah wie gläserne runde Dächer, hatte sie vorhin bemerkt. „Dort treffe ich mich mit meinen Schülern. Es gibt immer freie Plätze bei uns, Lilly. Einer davon wartet auf dich. Du wärest nicht zum ersten Mal dort.“

„Aber ich gehe doch auf der Erde schon in die Schule….“

„Das ist auch gut und richtig so. Und je mehr du lernst und begreifst, umso besser. Aber lass dich nicht verbiegen, sondern werde du selbst; ein Original, keine schlechte Kopie! Verstehst du?“

Lilly nickte energisch.

„Jeder Mensch der schläft, verlässt seinen physischen Körper, sein Bewusstsein zieht aus, wie wir gerade an dir sehen, Lilly“, fuhr Mathias fort. Mit einiger Übung kann sich der Schlafende in seiner Region der Astralwelt frei bewegen und bekommt manchmal sogar Einladungen.“ Mathias zwinkerte. „So wie zum Beispiel du gerade eben von mir. Müdigkeit kennen wir hier nicht. Du weißt doch, wie es funktioniert? Wenn du uns hier besuchen willst, musst du was tun?“

Lilly dachte kurz nach. „An euch denken und aus meinem Körper schlüpfen!“

„Genau so ist es! Später kehrst du in deinen Körper zurück und alles ist wie immer.“

Lilly grübelte. Schließlich blickte sie auf und verzog den Mund zu ihrem breitesten Grinsen.

„Bedeutet das…. dass das kleine Mädchen in meinem Bett gar kein fremdes Kind ist? Bin ich das etwa….. selbst?“

Mathias und Sophie lachten laut und herzlich. „Kompliment! Du begreifst aber ganz besonders schnell, junge Dame!“ stellte Mathias fest.

„Mama nennt solche Dinge immer übersinnlich und macht sich Sorgen, wenn ich ihr erzähle, dass ich Sophie oder Pipps besuche und dass Pipps uns auch besucht und dann auf seinem Lieblingsplatz liegt, genau wie früher. Patty kann ihn genauso sehen wie ich. Und dass hinten bei uns im Garten Wichtel leben und mit mir spielen, glaubt sie mir auch nicht!“

„Manche Kinder sind hinsichtlich ihrer spirituellen Entwicklung eben reifer als ihre Eltern. Irdisches Alter besagt rein gar nichts. Du bist doch ein besonders kluges Mädchen: trage es also mit Fassung! Aber nun müsst ihr mich entschuldigen, meine Damen, ich werde erwartet.“ Mathias lachte. „Auf Wiedersehen, Moo, pass gut auf dich und dein Kälbchen auf! Und du, Lilly, weißt nun, wo du mich findest……….. bis bald.“

 

Lilly blickte sich verblüfft um. Von einem Moment auf den anderen war Mathias verschwunden.

„Hier herrschen andere oder besser gesagt erweiterte Gesetzmäßigkeiten als bei euch“, erläuterte Sophie Mathias plötzliches Verschwinden. „Du und ich haben denselben Lehrer, Lilly, ist das nicht wunderbar? Und es ist eine große Ehre……. Aber es beginnt zu dämmern in der äußeren Welt. Ich glaube, du musst zurück!"

„Schade“, protestierte Lilly, es ist sooo schön hier bei euch!“

„Da hast du recht,  aber du musst  in der äußeren Welt Lebenserfahrungen sammeln und deinen Charakter weiter verfeinern. Diese Aufgabe haben alle Menschen. Immer wenn du schläfst, kannst du uns doch aber besuchen. Vieles ändert sich zurzeit in der äußeren Welt. Ein neues Zeitalter dämmert herauf! Das Fischezeitalter geht zu Ende und hat sein Zepter bereits dem Wassermann übergeben. Mit jedem Menschen, dessen Bewusstsein sich erweitert, verändert sich die ganze Welt. Der jeweiligen Realität bleibt gar nichts anderes übrig, als nachzuziehen und sich ebenfalls zu wandeln. Menschen wie du, Lilly, werden gerade jetzt in der äußeren Welt gebraucht wie Sauerteig für ein gutes Brot.  Im Augenblick  erkennen viele Menschen auch das Unrecht, das sie Tieren antun und  ändern  ihre  Lebens- und Essgewohnheiten. Vielen wird das Gesetz von Ursache und Wirkung klar, das besagt: was immer du säst, genau das wirst du ernten! All das sind Vorboten einer neuen Ära! Eines ist jedenfalls sicher: solange nicht das letzte Schlachthaus auf Erden geschlossen wurde, sehnt sich die Menschheit vergeblich nach Frieden!“

Wie auf ein Kommando hin hob Moo ihren Kopf und ließ ihre kräftige Stimme ertönen. Freudig antworteten ihr alle anderen Rinder im Chor.

Lilly prustete vor Lachen und hielt sich die Ohren zu. „Ein Kuhkonzert!“ jubelte sie, und da sich der Hals der stattlichen Moo völlig außerhalb der Reichweite einer Umarmung befand, schlang sie dem Stierkälbchen stellvertretend beide Arme um den Hals. Der Kleine, inzwischen gar nicht mehr schüchtern und verängstigt, leckte Lilly dabei mit rauer Zunge übers Gesicht.

„Wie das kitzelt!“ freute sich Lilly.

„Moo und alle anderen Tiere danken dir! Sie zählen auf dich, Lilly!“

Lilly nickte ernst. „Verstehe!“

Irgendeine Kraft, der sie sich nicht widersetzen konnte, zog sie plötzlich rückwärts. „Bis bald….“ rief sie. Aber Sophie, Moo, ihr Kälbchen, all die unzähligen anderen Rinder und das saftig grüne Weideland waren bereits verschwunden.

 

„Wie war es denn heute in der Schule?“ erkundigte sich Lillys Mutter am nächsten Tag beim Abendbrot.

„Schön“, antwortete Lilly und kraulte die schnurrende Patty intensiv unterm Kinn. „Wir sollten uns eine Geschichte ausdenken und ein Bild dazu malen.“

 „Zeigst du es uns?“ fragte Mama.

Lilly eilte in ihr Zimmer und kam mit einem großen Blatt Papier zurück.

„Worum geht es denn in deiner Geschichte?“ fragte Mama angesichts der Abbildung etwas ratlos.

„Meine neuen Freunde.“

„Aber auf deinem Bild sehe ich keine Freunde, bloß ein fast leeres Blatt mit ein paar  Gurken und Tomaten....? Obst und Gemüse…?“

„Seitdem du kein Fleisch mehr isst, bist du wohl mit Gemüse befreundet….?“ schmunzelte Papa.

Lilly nickte.  „Aber meine echten Freunde sind trotzdem mit auf dem Bild; ihr könnt sie bloß nicht sehen, weil…….manche Freunde kann man nämlich nicht immer sehen…..“

Bevor die Unterhaltung wieder ins „Übersinnliche“ abzudriften drohte, beschloss Lillys Mutter, das Thema zu wechseln.

„Dein Bild ist ziemlich ungewöhnlich, verglichen mit dem, was du sonst so malst. Wollen wir es nachher in deinem Zimmer zu den andern hängen?“ fragte sie ihre Tochter, die seit einigen Monaten die erste Klasse der örtlichen Grundschule besuchte.

Energisch schüttelte Lilly den Kopf. „Nein, ich habe es für euch gemalt! Und einen Titel hat es auch!“

„Und der wäre….?“ fragte Papa.

„Moo und du!“ antwortete Lilly.

 

              

 

 "Sei du die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt."

Gandhi

 

 

                                                                            


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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